Ein Stück Berliner Geschichte stirbt!

Und wieder stirbt ein Stück Berlin im Herzen unserer Stadt.



Traditionsreicher Pralinenhersteller hat Coronakrise nicht überstanden

Tagesspiegel vom 06.08.2020, 12:04 Uhr


Die traditionsreiche Pralinenmanufaktur Sawade aus Reinickendorf muss Insolvenzantrag stellen: Durch Corona gingen die finanziellen Reserven aus. 

Berlins älteste Pralinen- und Trüffelmanufaktur Sawade aus Reinickendorf hat keine finanziellen Polster mehr und musste "Insolvenzantrag in Eigenverantwortung" beim Gericht stellen, wie es hieß.

Grund der finanziellen Krise sei die Corona-Pandemie. Der Umsatzeinbruch während des Lockdowns sei zu massiv gewesen, sagte eine Sprecherin des Unternehmens dem Tagesspiegel.

"Wir hatten nicht mehr genug finanzielle Polster, um den Einbruch in der Coronakrise aufzufangen." Die Sprecherin betonte, dass die Gehälter der insgesamt 84 Beschäftigten erst einmal über das Insolvenzgeld sichergestellt seien. 

Auch die Produktion- und der Geschäftsbetrieb liefen erst einmal weiter, die fünf eigenen Läden in Berlin bleiben geöffnet.

Die Geschäftsführung hofft auf eine Investorenlösung im Herbst dieses Jahres.

Das 1880 in Berlin "Unter den Linden" gegründete Unternehmen Sawade betreibt fünf Läden in Berlin und beliefert deutschlandweit rund 350 Fachhändler mit Trüffeln und Pralinen.

Neben der Feinkostabteilung von Galeria Kaufhof Karstadt führen etliche Feinkostläden die Schokoladenspezialitäten im Sortiment.

"Durch den Lockdown mussten viele Fachhändler schließen oder sogar aufgeben, auch dadurch haben wir Verluste gemacht", schildert die Sprecherin. Erst 2019 hatte die Geschäftsführung begonnen, zu expandieren und zu modernisieren - auch dieser Prozess war durch Corona ins Stocken geraten. Sawade habe nicht von den Soforthilfen des Landes zur Abmilderung der wirtschaftlichen Einbrüche profitieren können, da der Betrieb bereits im vorigen Jahr kein Gewinn erzielt habe und somit nicht die Kriterien erfüllte, erklärte die Sprecherin des Unternehmens.

Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagte dem Tagesspiegel zu der Sawade-Insolvenz: "Die Insolvenz von Berlins ältester Pralinenmanufaktur ist eine traurige Nachricht. Wir kämpfen um die Unternehmen, doch nicht jeder Kampf wird erfolgreich sein. Unternehmen, die schon vorher in Schwierigkeiten oder Umstellungen waren, trifft es besonders. Wir haben in Berlin und auch bundesweit sehr schnell mit Hilfsprogrammen eine erste Stabilisierung der Unternehmen erreicht. Jetzt helfen wir mit spezifischeren Maßnahmen für die Unternehmen, die länger von Corona betroffen sind."

Sawade war bereits 2013 insolvent und damals von dem Ehepaar Melanie und Benno Hübel aus der Insolvenz übernommen worden. Ziel war damals die "Restrukturierung des maroden Unternehmens innerhalb von drei bis fünf Jahren", wie es aus dem Unternehmen hieß. 

Die Insolvenz als Rettungsschimmer für das Unternehmen

Damals handelte es sich um eine reine Insolvenz, diesmal sei das eine "Insolvenz in Eigenverantwortung", erklärte die Unternehmenssprecherin, was bedeutet: Nicht ein Insolvenzverwalter übernimmt, sondern ein "Sachwalter", wie es in der Branche heißt. 

Er ist vom Gericht beauftragt, den Prozess zu begleiten. Ziel ist dabei, den "reibungslosen Geschäftsbetrieb in den kommenden Monaten zu gewährleisten", sagte die Sprecherin und mit dem Insolvenzgeld die kommende Produktion für das Weihnachtsgeschäft zu bewerkstelligen. Alles in der Hoffnung, dass das Unternehmen noch gerettet werden kann.


Thermen am Europacenter (1970-2020)

BZ-Artikel
30. Juni 2020 20:56 - Aktualisiert 21:09

Sonnenuntergang am Europacenter

Die Thermen im Europacenter (1965 eröffnet) meldeten eben Insolvenz an. Nach BZ-Informationen erhielten heute die Mitarbeiter ihre Kündigungen. Zuvor wurde versucht, sie mit Kurzarbeit zu retten. Die beliebte Wellnessoase, in der sich auch FKK-Fans mehr als 50 Jahre erholen konnten, wollte nach der coronabedingten Schließung im März eigentlich wieder öffnen.

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Tagesspiegel-Artikel,
2. Juli 2020

Europatherme meldet Insolvenz an
Streit über Investitionen mit Center-Eigentümer

Seit 55 Jahren gehörten die Charlottenburger „Thermen am Europa-Center“ zu Berlins ältestem Einkaufszentrum - doch nun verschwindet die beliebte Bade- und Saunalandschaft auf dem Dach des Parkhauses an der Nürnberger Straße. Die Betreiberfamilie Jarick hat einen Insolvenzantrag gestellt. Das bestätigte am Donnerstag der mit der Abwicklung beauftragte Rechtsanwalt Torsten Martini von der Kanzlei Leonhardt Rattunde.

Wegen der Coronakrise sind die Thermen seit März geschlossen. Als Hauptgrund für die Insolvenz nennt Martini jedoch, dass mit dem Centereigentümer Christian Pepper „keine Einigung über Investitionen in die Immobilie erzielt werden konnte“. Pepper habe den Pachtvertrag, der Ende dieses Jahres ausläuft, nicht verlängert. Genaueres möchte der Anwalt nicht sagen. Centermanager Uwe Timm war nicht direkt an den Vertragsverhandlungen beteiligt, sagt aber, „nach vielen Jahren“ seien nun einmal Investitionen nötig gewesen. Für das kommende Jahr plane man eine Zwischennutzung, voraussichtlich mit Kultur und Events, aber ohne den Bade- und Saunabetrieb. Das Ende des Mietvertrags hänge nicht mit der langfristigen Vision eines zweiten Hochhauses für das Europa-Center zusammen. Ende 2017 hatte der Stararchitekt Roland Jahn seine Idee eines 240 Meter hohen Gebäudes an der Stelle des Parkhauses und der Thermen vorgestellt. Dieses Projekt „haben wir nicht aufgegeben“, betont Timm, doch sei noch völlig offen, ob und wann ein Bauantrag gestellt werde. Vorerst sei jedenfalls kein Abriss der Bestandsbauten an der Nürnberger Straße geplant.

Die Thermen waren einst nur entstanden, weil die Feuerwehr für das Europa-Center einen großen Löschteich verlangte. Vor dessen Eröffnung im Jahr 1965 kam der Gründer und Vater des heutigen Eigentümers, Karl-Heinz Pepper, auf die clevere Idee, daraus eine gewinnbringende Attraktion zu machen. Heutzutage ist laut Centermanager Timm kein Feuerwehrlöschteich mehr vorgeschrieben.

25 Mitarbeitern der Thermen müsse gekündigt werden, sagt Anwalt Martini. Sie seien in einer Personalversammlung informiert worden. Es gebe keinen geeigneten Ersatzstandort, insbesondere nicht in einer so guten Citylage. Ohne den Konflikt mit dem Verpächter hätten die Themen die Corona-Zwangspause überstehen und beispielsweise Gutscheine für Besuche nach einer Wiedereröffnung verkaufen können.

Eine kurzzeitiges Comeback vor dem Jahresende schließt Martini aus. Für ein paar Wochen würde sich das nicht lohnen. Außerdem sei unklar, wann Saunen wieder Besucher empfangen dürfen. Die Familie Jarick hatte die Thermen vor mehr als 40 Jahren übernommen. Die Anlage besteht aus sechs Innen- und zwei Außensaunen. Die größte Besonderheit war eine Schwimmbahn, die teilweise im Freien verlief und im Winter beheizt wurde, sodass Badegäste selbst bei frostigen Außentemperaturen ihre Runden absolvieren konnten.Cay Dobberke

Fotos: https://www.instagram.com/thermenberlin/


Berliner Traditionsgeschäft Deko Behrendt schließt 2021

rbb24 | 06.07.2020 | Matthias Bartsch | Bild: rbb

Der Partyausstatter Behrendt in Berlin-Schöneberg schließt im kommenden Jahr. Wie der "Tagesspiegel" am Samstag berichtet, sei im März 2021 Schluss, so lange laufe der Mietvertrag.

Grund für die Schließung des Traditionsgeschäftes in der Hauptstraße ist die Corona-Krise. Es gebe keine großen Feiern mehr, der Umsatz sei eingebrochen, schreibt der Tagesspiegel. Einige Artikel seien schon vergriffen, es werde nicht mehr nachbestellt.

Deko Behrendt ist vermutlich das bekannteste Geschäft in Berlin für Kostüme und Partybedarf. Gegründet wurde die Firma 1914, seit 1952 gibt es den Laden in der Hauptstraße. Regelmäßig warteten die Kunden zu Halloween und in der Faschingszeit in langen Schlangen vor dem Geschäft. Nun hängen in den Schaufenstern Schilder, die auf den Räumungsverkauf hinweisen.


Hilbig H. GmbH & Co. KG Großbäckerei

Tochterfirma von Reichelt kauft Berliner Bäckereien
Veröffentlicht am 25.07.2000 bei WELT, Von Margarete Raabe

Übernahme von 63 Filialen der Bäckereigesellschaften Hilbig und Richard Nowak

Die Otto Reichelt AG wächst. Wie die traditionsreiche Berliner Lebensmittelkette gestern mitteilte, wird der Backwarenproduzent Otto Thürmann GmbH, eine 100-prozentige Tochter von Reichelt, von Januar 2001 an die insgesamt 63 Filialen der Berliner Bäckereigesellschaften Hilbig und Richard Nowak mit rund 500 Mitarbeitern übernehmen. Der Deal scheint perfekt, über den Preis wird öffentlich "nicht gesprochen", nur das Bundeskartellamt muss zustimmen.

Doch da sieht der Konzern keine Gefahr. "Mit unseren bisherigen Filialen und den neuen haben wir gut 200", sagt Lutz Hanisch, Prokurist der Thürmann GmbH. Damit habe man zusammen in Berlin am Backwarenmarkt nur einen Anteil von sieben Prozent. Die Reichelt AG verspreche sich von der Übernahme durch Thürmann neben der Auslastung des Backwarenwerkes in Mariendorf und einer Verdichtung des Filialnetzes auch die Erweiterung eines Geschäftsfeldes, mit "dem Geld zu verdienen" sei. "Im Lebensmitteleinzelhandel ist zur Zeit nicht so schrecklich viel Geld zu verdienen", sagt Lutz Hanisch.

Der Preiskrieg und der Verdrängungswettbewerb auf dem Lebensmittelsektor unter Billiganbietern wie Aldi und Lidl hatte der Otto Reichelt AG stark zugesetzt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Verlust von 1,8 Millionen Mark. Und auch für dieses Jahr prognostizierte Reichelts Vorstandschef einen Umsatzrückgang um insgesamt zwei Prozent: Eine Bilanz für das erste Halbjahr 2000 soll in vier Wochen vorgestellt werden.

Um am Markt zu bestehen, hatte Reichelt im vergangenen Jahr etwa 70 Lebensmittelfilialen modernisiert und knapp 64 Millionen Mark investiert. Weitere 15 Läden sollen in diesem Jahr folgen. Beim "intensiven Kampf auf dem Lebensmittelsektor" setze man auf Frischwaren: Fleisch, Backwaren, Obst und Gemüse. Auf Druck der Konkurrenz - die meisten Supermärkte und Discounter haben von acht bis 20 Uhr offen - schaltet auch Reichelt inzwischen ab sieben Uhr die Kassen an. Nicht zuletzt sollen auch die preiswerten Eigenmarken und Innovationen wie ein Hauslieferservice den Billiganbietern Paroli bieten.

Die Bäckerinnung sieht die Übernahme von Hilbig und Nowak kritisch. "Gerade diese Filialen siedeln sich dort im Stadtgebiet an, wo handwerkliche Bäckereien sitzen", sagt Innungsgeschäftsführer Heinrich Jünemann. Während in Handwerksbetrieben selbst gebacken werde, backten die Ketten ihre Produkte nur im Ladenbackofen fertig. Die Folge sei, dass immer mehr kleine Betriebe schließen müssten: Gab es 1998 noch 337 Bäckereien in der Stadt, waren es im Dezember 1999 nur noch 290. Die aktuelle Zahl, so schätzt Jünemann, liegt bei 280.